Meine Kolumne “Fadegrad” im Zürcher Bote vom 25. September 2020: Unsere Grundrechte und Freiheit gelten für alle

Die höchst bedenklichen Vorfälle rund um den abgesagten «Marsch für Läbe» ist ein Warnruf ür alle Demokraten. In einer Demokratie geht es nicht, ja es ist einer Demokratie und einem freien Land schlicht unwürdig, wenn durch Gewaltandrohung Andersdenkende in ihren verfassungsmässigen Grundrechten beschnitten werden. Die Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter der Demokratie muss unter allen Umständen gewahrt bleiben. Im Extremfall muss die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, ja müssen alle unsere Grundrechte, mit dem staatlichen Gewaltmonopol durchgesetzt werden.

Es geht hier um nichts Geringeres als unsere Freiheit und die Garantie unserer Grundrechte. Dazu sind im aktuellen Kontext noch einige Gedanken zu ergänzen:

Zumindest Teile jener Kreise, welche ihre Meinung nicht öffentlich kundtun konnten und sich nun zu Recht auf ihre Meinungsfreiheit und die Grundrechte berufen, beschneiden aber in ihren Aussagen und Handlungen die Grundrechte und die Freiheit anderer Menschen in diesem Land. In den sozialen Medien wurden durch diese Kreise Statements verbreitet, in welchen es heisst «Jeder Mensch hat eine unantastbare Würde». Gleichzeitig wird aber andersdenkenden und anderslebenden Menschen genau diese Würde, die Freiheit und das Recht abgesprochen, ihr Leben selbstbestimmt und frei zu leben.

Diese fundamentalistischen Haltungen und die Absicht, anderen Menschen die eigene Lebensart aufzuzwingen, passt eben nicht zu unseren Grundrechten. Wer Homosexualität als eine psychische Störung, ja als ein moralisches Defizit bezeichnet; wer Frauen die – ebenfalls verfassungsmässig garantierte – Selbstbestimmung und den freien Willen auf ein freies Leben abspricht oder verunmöglicht; wer jungen Menschen einredet, dass ausserehelicher Sex eine Todsünde sei; wer Frauen, welche sich in grosser Not und kaum leichtfertig für eine Abtreibung entscheiden, höchstem psychischem Druck aussetzt und sie de facto des Mordes beschuldigt und wer aufgrund von fundamentalistischer Bibel-Auslegung Andersdenkende und Anderslebende diskriminiert, ausgrenzt, verurteilt und ihnen vorschreiben will, wie sie ihr Leben zu führen haben, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob er denn die Grundrechte, die Würde des Menschen und die Freiheit Anderer wirklich respektiert.

Für mich deckt sich hier die berechtigte Einforderung der eigenen Rechte nicht mit, der dafür nötigen, Akzeptanz der Freiheit und der Grundrechte Anderer. Unsere Grundrechte gelten für alle und somit verpflichten wir uns zur logischen Konsequenz, dass es verschiedene Meinungen, Lebensarten und Lebenswege gibt. Immanuel Kant hat es treffend formuliert: «Die Freiheit eines jenen beginnt dort, wo die Freiheit eines anderen aufhört.»

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